14 September, 2014

Warum wir den deutschen Asphalt geküsst haben

Wir sind jetzt genau eine Woche wieder Zuhause in unserer Wohnung und es kommt mir so vor, als wären wir vor einer Ewigkeit in Russland gewesen. Als vor ein paar Monaten feststand, dass wir beide zu meiner Familie fliegen würden (mit meinem Vater und meinem Bruder), habe ich mir wirklich riesige Sorgen gemacht... 

Nicht, dass unsere Beziehung irgendwie Schaden an diesem Urlaub nehmen würde, sondern weil mein Freund kein Russisch und meine Verwandschaft dort kein Deutsch kann. Zehn Tage in einem riesigen Land, das man nicht versteht. Und ich sage euch eins: In Russland macht man eher nicht Urlaub. 

Meine Großeltern leben in einer "kleinen" Stadt, fast 17.000 Einwohner, in der man die Straßen aus Asphalt an den Fingern abzählen kann. Wer einen Eindruck von der Sowjetunion haben möchte, fährt einfach in irgendein "Dorf". Die Läden sehen noch so aus wie vor 30 Jahren. Fünf Verkäuferinnen kümmern sich um einen Laden, der die Größe von 40 Quadratmetern hat. Mein Vater erzählt in Russland am Tisch gerne mal vom deutschen System und die Russen glauben nicht, dass bei uns fünf Verkäufer/innen einen viermal so großen Lebensmittelladen schmeißen, an der Kasse bei der in der Minute 30 Artikel über den Scanner gehen, Regalen auffüllen und so weiter. In Russland sucht die Verkäuferin alleine fünf Minuten nach ihrer Brille bis sie den von Hand aufgeschriebenen Preis ablesen kann und alles mit einem Taschenrechner zusammentippt. Übrigens sind die Preise dort ähnlich wie in Deutschland, teilweise sogar höher. Die meisten dort sind Zwangsvegetarier, weil Fleisch so teuer ist. Man merkt an jeder Ecke, dass Profit ganz oben steht... Jede freie Fläche wird mit Werbung, Plakaten und Anzeigen bombadiert. Und dann gibt es noch eine etwas andere Seite. Eine Stadt wie Krasnodar mit 750.000 Einwohnern in der Nähe vom Schwarzen Meer hat fünf riesige (private) Einkaufszentren. In jedem gibt es eine Eislaufbahn, ein Kino und unzählige Geschäfte. Alles super modern und ordentlich, aber sobald man wieder an der Straße steht, möchte man wieder in den nächsten Flieger nach Europa steigen. 

Viele sagen, dass Heilbronn eine hässliche Stadt ist - bitte bitte fahrt nach Russland und schaut euch dort die Zustände an. Ich war noch nie so dankbar über die Umweltplakette und den deutschen Recycling-Ehrgeiz. Nach ein paar Tagen fängt man sogar an, die deutsche "komplizierte" Bürokratie zu lieben. Im russischen Chaos kann man wirklich untergehen - das vierseitige Visa-Formular hätte ich niemals ausfüllen können! 

Und ich muss es leider immer wieder sagen, aaaaber... in Russland hätte ich NIE NIE NIEmals meinen Führerschein gemacht. Mit den "Straßen" wäre ich bestimmt klargekommen, aber die Mentalität der Russen wenn's um den Verkehr geht... Ich bin die meiste Zeit mit geschlossenen Augen mitgefahren, so schlimm war es. Da wird zu fünft gleichzeitig überholt und wenn dann Gegenverkehr kommt, wird zwischen beiden Spuren weitergefahren und der Rest auf den Schotter neben der Fahrbahn gedrängt. Kurzer Scherz am Rande: Was machen Deutsche, wenn sie aus dem Urlaub kommen? Antwort: Einen Zebrastreifen suchen und gaaaanz fett grinsen. (So auch wir am Münchner Flughafen :D) 

Übrigens irgendwie denken alle Russen, dass alle Deutschen Rammstein hören... Warum auch immer. Zum Glück hat mein Freund damals schon gerne Rammstein gehört und er musste sich nicht durch die Autofahrt quälen wie ich. 

Das letzte Mal das ich in Russland war, war vor vier Jahren und es ist jedesmal aufs Neue ein Kulturschock. Mein Vater, mein Bruder und ich haben immer wieder Scherze über meinen Freund gemacht - er war ja der Special Guest, egal bei wem wir zu Besuch waren. Running Gag: Wir müssen schnell zu einer Zeitung und einen Artikel über seine Erlebnisse schreiben. Titel: Zehn Tage in Russland - "Ich habe danach den deutschen Asphalt geküsst". 

Vielleicht fühlen sich einige Russen, die das gelesen haben jetzt etwas gekränkt. Das sind bisher nur negative Punkte. Ich weiß natürlich die Gastfreundschaft im Land zu schätzen - dort geht man nie hungrig nach Hause. Geburtstage und Hochzeiten werden ganz anders gefeiert. Jeder, der mal auf einer russischen Hochzeit war oder eine auf VOX gesehen hat, weiß was ich meine :D Dort ist das Leben noch so natürlich. Man geht Angeln und trifft sich mit Bekannten und grillt gemeinsam. Es wird viel und gerne getanzt und gesungen. Ich nenne es jetzt einfach mal das russische Savoir Vivre, gutes Essen, etwas gutes zum Trinken und eine tolle Gesellschaft - Arbeiten steht im Leben nicht im Mittelpunkt.

Insgesamt war der Aufenthalt für uns aber mehr Schock als Urlaub. Aber mit einer sehr guten Nebenwirkung, sogar besser als nach einem gewöhnlichen Urlaub: Man kommt mit einem sehnsüchtigen Gefühl nach Hause und will alles und jeden in Deutschland umarmen! Ich liebe den Fleiß, die Ordnung, die Innovation und die Kreativität im Land! Ich liebe unsere kleine Wohnung und das Achtziger-Jahre-Badezimmer (okay, langsam fange ich wieder an es zu hassen...). Insgeheim hoffe ich, dass es mein Freund genauso gut verkraftet hat :D


Eines der fünf Einkaufszentren


No Comment :D // Draußen 38°C, aber drinnen kann man Schlittschuh fahren



Einmal bitte den Award für das beste Verpackungsdesign - Eis in Alufolie ♥  // Typisch Russisch: Teig und Schmand


Photoshop-Skills: 10/100. // Die Russische Variante, ja das soll ein "Zaun" sein

[Wer hätte gedacht, dass ich eines Tages einen Post nur mit Handyfotos veröffentliche...]


Mein Freund hat seine russischen Pflichten übrigens erfüllt: 

- Er hat alle Variationen von russischen Teigtaschen gegessen
- Er hat mit echten Russen Vodka getrunken
- Er war in einer Banja
- Er war Angeln und hat einen Karpfen gefangen
- Ihm wurde eine Militärkarriere angeboten (und aus Spaß ein Orden geschenkt :D)
- Er hat im russischen Meer gebadet
- Er kann ein paar Wörter sprechen und ein bisschen kyrillisch lesen

Kommentare :

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Wow! Ich bin echt begeistert! :D ♥

    Zum einen, von deiner Art zu schreiben, die ist einfach genau so, wie ich sie gerne hören mag, zum anderen wegen des Inhalts! Es ist einfach zu 100% nachvollziehbar!

    Ich war bis zum Sommer letzten Jahres jedes (oder mindestens jedes zweite) Jahr in der Ukraine, mal hier, mal dort, und nun gar nicht mehr. Wir waren bei alten Freunden, die aus der UDSSR oder dem heutigen Kasachstan nach Westen gehen wollten und nun ja... Ukraine eben irgendwie westlicher war. Wir waren aber auch in Dörfern, haben mit Bauern geredet, Kühe gemolken und Schweine gefüttert. Sogar ein echtes Huhn geschlachtet (Ich hab letztens auf KabelEins oder so gesehen, wie sie Jugendliche dazu gezwungen haben und die eine danach sofort Vegetarierin wurde.. Hach :D)... Nun die Frage.. du selbst kannst wohl auch russisch. Aber du bist hier geboren, oder? :)

    Es ist einfach alles so wahr, und einen Teil von den russischen Pflichten hat mein Freund übrigens auch geschafft.. nur sich die Pelmeni nicht mit Sguschjonka (zu deutsch Milchmädchen oder Kondensmilch, Mein Gott, was ein Wort) zu zerstören, das muss er noch lernen :D

    Ich Danke Dir! Für diesen Post, das Lächeln dass du mir gezaubert hast und unterhaltsame 5 Minuten, obwohl ich schon lange schlafen sollte.

    Sollte ich auch mal einen Post darüber verfassen, was meinst du? Habe noch Bilder von Mauern, wo teilweise statt Backsteinen leere Flaschen verwendet wurden (nicht als Special-Licht-Effekt) und von einem kleinen Lagerfeuer, das wir mitten in irgendeinem Walt auf einem Berg fernab von der Zivilisation gemacht haben, um unser eingelegtes Schaschlik zu grillen. Übrigens sind alle Fotos auf meinem Blog mit dem Handy, keine Panik :D ♥

    Allerliebste Grüße, Carina von http://artofcarina.blogspot.de/ ♥

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    1. Alsoo, ja in Deutschland geboren, deutsch im Kindi gelernt und zuhause wurde Russisch gesprochen :)
      Wir sind damals auch fast jedes Jahr nach Russland geflogen und ich hab da auch das Huhnschlachten miterlebt :D hab bis heute die Bilder im Kopf - und wer hätte es gedacht, ich kann immer noch Fleisch essen :D morgens gab's bei meiner Omi immer frische Ziegen- oder Kuhmilch von der Nachbarin und nen Stapel Blintschiki für alle. Als Kind war es das nonplusultra, wenn ich im Hühnerstall morgens die Eier einsammeln durfte :D
      Ich hab mir grad auch deinen Blog angeschaut und wenns dir ähnlich geht wie mir, dann würde ich es auch bloggen an deiner Stelle (auch wenns thematisch nicht reinpasst). Mir ging's einfach so, dass das einfach mal raus musste. Als Kind hab ich alles so anders wahrgenommen und jetzt sehe ich alles mit anderen Augen, hab schon mehr von der Welt gesehen und kann so einiges vergleichen :) Vor allem haben viele einfach keine Ahnung von Russland, da ist es mal ganz interessant ein paar private Bilder zu sehen, die nicht nur die Glanzseiten zeigen.
      Auf jeden Fall freut's mich total, dass dir der Post so gefallen hat :)
      Liebe Grüße zurück!

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